I. Ausgangslage
Zur Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland existieren bisher keine Gesamt-Übersichten, wo,
welche Gruppen und Multiplikatoren tätig sind. Es existieren weder quantitative Darstellungen, welche Zielgruppen vertreten
sind und in welchen geographischen Bereichen (Stadt/Land) sie leben und in welchen institutionellen Zusammenhängen sie
arbeiten und gefördert werden, noch inhaltliche Beschreibungen über die Art der Theaterarbeit und die Zielsetzungen, noch
deren Professionalität und Qualität.
Besonders unbefriedigend ist dabei die Datenlage zur Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Die Informationen darüber, ob und wie die Angebote der öffentlichen und freien Kultureinrichtungen diese Kinder und
Jugendlichen erreichen und von ihnen genutzt werden oder ob sie Eigenorganisationen, besonders mit muttersprachlichen
Angeboten, aufgebaut haben und nutzen, sind äußerst lückenhaft. Auch wissen wir nicht, welche Rolle die Schulen und
außerschulischen Organisationen der kulturellen Bildung hier spielen.
Es gibt höchstens punktuelle Kontakte zu bestimmten Anlässen und vor Ort (z.B. bei Festen oder Tagungen und bestimmten
Festivals) aber keinen kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen kulturell Tätigen in der Migrationsszene und den
sonstigen Trägern kultureller Bildung. Wie man von einander erfahren kann, wie Kinder und Jugendliche mit
Migrationshintergrund andere Kulturangebote erreichen können und wie ihre eigenen Kulturangebote bekannt werden,
diese Wege sind noch immer ungeregelt. Selbst Kooperationsprojekte erzielen kaum Öffentlichkeit. Wir wissen auch nicht,
wie stark Kulturpädagogen und Künstler mit Migrationshintergrund in Schulen und Organisationen außerschulischer kultureller
Bildung vertreten sind. Auch in den Kulturförderprogrammen tauchen sie kaum auf.
Diese Situation ist angesichts der Prognosen, dass in den nächsten Jahren in den Städten unter den bis 15 jährigen Kindern
und Jugendlichen 40 % mit Migrationshintergrund sein werden, nicht verantwortbar. Die integrativen Potentiale der kulturellen
Bildung und der gesellschaftliche Reichtum der kulturellen Vielfalt sowie die Chancen interkulturellen Lernens bleiben
fahrlässig unbeachtet (siehe auch die Ergebnisse des Jugendkulturbarometers).
II. Ziele der Bestandsaufnahme
Die Erhebung soll mobilisierenden Charakter haben und in den beteiligten Verbänden, Institutionen und Initiativen die
Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund verstärken und Handlungsimpulse auslösen.
Die Szenen der kulturellen Bildung im Bereich Theater sollen transparent werden und sich gegenseitig öffnen, um die
Kommunikation zu verbessern, die gegenseitigen Zugänge an der kulturellen Arbeit zu erleichtern und die Kooperationen zu
erweitern. Insgesamt soll die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an der Theaterarbeit verstärkt
werden. Dabei soll es zu einem Prozess des Miteinander- und Voneinander-Lernens kommen und die kulturellen Beiträge, die
Migranten "mitbringen" sollen in die gemeinsame Arbeit mit schon bestehenden Theatergruppen eingebracht werden.
Von den Daten erwarten wir auch Auskünfte, welcher Handlungsbedarf ist:
- für die kulturelle und sprachliche Qualifizierung von Mitarbeitern
- für die Zusammenarbeit für interkulturelle Projekte in Ganztagsschulen
- für die Umsetzung interkulturellen Lernens in Kindergärten
- in der Öffentlichkeitsarbeit für interkulturelle Projekte und Produktionen aus anderen Kulturen
- in der Zusammenarbeit mit Integrationsbeauftragten, Ausländerbeiräten
- im Dialog zwischen Kulturverantwortlichen und interkulturellen Vereinigungen bzw. Selbstorganisationen von Migranten
- in der Zusammenarbeit von Schule und der außerschulischen kulturellen Bildung
- im Aufbau von Datenbanken und Netzwerken
- in der Qualifizierung und Professionalisierung der interkulturellen Theaterarbeit
- in der Förderung der kulturellen Selbstorganisationen und der Künstler und Theaterpädagogen mit Migrationshintergrund
III. Untersuchungsverfahren/ Vorgehensweise
Die Bestandsaufnahme wird in folgenden Arbeitsschritten erarbeitet:
1. Findung von Personal und thematische Einarbeitung
2. Klärung und Definition der Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
(z. B. 1., 2., 3. Generation, Herkunftsländer der Eltern, Muttersprache etc.)
3. Ermittlung der Adressen von Theatergruppen und –projekten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, von
interkulturellen Gruppen sowie Theaterpädagogen mit Migrationshintergrund bzw. solchen künstlerischen
Multiplikatoren, sowie kulturelle Selbstorganisationen und deutsche Gruppen,
Organisationen und Theaterpädagogen, die mit Kindern und Jugendlichen mit
Migrationshintergrund interkulturell arbeiten.
4. Die Adressenermittlung erfolgt über die Mitgliedsverbände der
Bundesarbeitsgemeinschaft Spiel und Theater, der Dachorganisation für
Darstellendes Spiel und Theater im außerschulischen Bereich und in der Schule,
für Amateurtheater und Theaterpädagogik in kulturellen Einrichtungen, in Zentren
und an Hochschulen sowie in den Landesarbeitsgemeinschaften. Darüber hinaus
werden Festivals, die Akademien für kulturelle Bildung, Selbstorganisationen der
Migranten einbezogen und die Organisationen im Rat für Darstellende Kunst und
Tanz im Deutschen Kulturrat. Die theaterpädagogischen Fachzeitschriften, wie
Korrespondenzen, Spiel und Theater, Spiel und Bühne, Spiel-Art etc. werden
beteiligt.
5. Klärung der Systematik der Erhebung und Entwicklung von Fragebögen und
Leitfäden für Interviews mit den erfassten Gruppierungen und Personen.
6. Durchführung der Erhebung, schriftlich, telefonisch, mündlich. Im lokalen und
regionalen Bereich sollen "Korrespondenten, Scouts" eingesetzt werden, die
Zugang zur Migranten-Szene haben und über ggfs. entsprechende sprachliche
und kulturelle Voraussetzungen verfügen.
7. Erstellung des Datenerfassungsbogens und entsprechende Programmierung des
Rechners.
8. Auswertung unter Einbeziehung von Experten, s. dazu auch II. Ziele der
Bestandsaufnahme
Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Projektleitung: Klaus Hofmann
Projektkoordination: Rainer Klose
Projektmitarbeit: Christian Prunczak
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