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Fachliteratur kritisch besprochen

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Eintrag vom: 21.01.2007

Meike Herminghausen / Tania Meyer

"Versprochen ist versprochen ...!"
Mit Theater die UN-Millenniumsziele einfordern – ein Aktionshandbuch Berlin/Bonn 2006
72 Seiten


Ein grafisch attraktiver, opulenter Text- und Bildband mit einem wichtigen Thema, einfallsreichen Projekten, klugen Kommentaren und nützlichen Hinweisen – rundherum erfreulich.

Das Thema: Im September 2000 verpflichteten sich 189 Staats- und Regierungschefs bei den Vereinten Nationen auf die Millennium Development Goals (MDGs):

  • Beseitigung von Hunger
  • Universale Grundschulausbildung
  • Gleichstellung der Frau
  • Senkung der Kindersterblichkeit
  • Verbesserung der Gesundheit von Müttern
  • Bekämpfung von AIDS, Malaria, anderen Krankheiten
  • Umweltschutz
  • Schaffung einer globalen Partnerschaft für Entwicklung.

Damit endlich mehr geschieht und es nicht bei einer bloßen Deklaration bleibt, hatte Kofi Annan eine Kampagne ins Leben gerufen, mit der die Regierungen an ihre Versprechungen erinnert werden sollten.

Um die Kampagne zu unterstützen und weiter zu treiben, haben sich Grips-Theater mit seiner Theaterpädagogik, die United Nation Millenium Campaign (in Bonn Dr. Renée Ernst) und Deutscher Entwicklungsdienst zusammengetan. Durchgeführt wurden, jeweils mit jungen Leuten, Theaterprojekte in Berlin, Dresden, Riesa –dazu kam ein Projekt im Rahmen des Festivals junger Künstler in Bayreuth:

  • Theater auf der Straße und Theatrale Kurzformen
  • Szenencollage und Theater auf der Bühne
  • Stationentheater und Revue

Ergebnisse und Erfahrungen dieser Projekte wurden, zusammen mit einer Fülle von Informationen zu Formen und Inhalten, in „Versprochen ist versprochen ...!“ publiziert – und das Ergebnis ist nun nicht einfach ein (für Geldgeber nötiger und mit Eigenlob garnierter) Rechenschaftsbericht, sondern wirklich ein „Aktionshandbuch“.

Es beginnt mit den „üblichen“ Gruß- und Vorworten (Heidemarie Wieczorek-Zeul, Volker Ludwig, Dr. Ernst von der Deutschen Millenniumskampagne, Otto Stein/Jutta Heckel vom Deutschen Entwicklungsdienst) – aber siehe da, schon die Grußworte sind informativ, detailreich, genau, fordernd, engagiert.

Klar und präzise erläutern zudem die beiden Autorinnen Meike Herminghausen und Tania Meyer Ziel und Aufbau ihres Buches: „Es stellt theaterpraktische Aktionen vor, die die Millenniumsziele verbreiten und einfordern, und soll Lust und Mut machen, die Beispiele auszuprobieren, abzuwandeln, zu erweitern ...“ (7). In jedem Projektkapitel werden zunächst je zwei Theateraktionen dargestellt, mit Fotos dokumentiert und dann in gleicher Weise exemplifiziert:

    „Unter der Überschrift Schritt für Schritt (1) beschreiben wir den Weg, den die Schüler/innen genommen haben – so, wie man ihn ähnlich oder in abgewandelter Weise beschreiten kann.
    Praktische Hinweise zu den erforderlichen Rahmenbedingungen und Materialien finden sich auf der Seite Man nehme ... (2)
    Tipps und weitere Ideen (3) sollen zum Gelingen beitragen und eröffnen Variationsmöglichkeiten. Auf dieser Seite geben wir, wo es uns sinnvoll erscheint, auch Hinweise auf die Übertragbarkeit der Projekte auf andere Altersstufen.“ (S. 7)
    Zur Auseinandersetzung mit spezifischen Themen gibt es im Anhang des Buches „Literaturtipps zu Hintergründen und didaktischem Material“ und ein guter Rat: „Im besten Fall findet die Erarbeitung der Inhalte und ihre theatrale Umsetzung mit Unterstützung entwicklungspolitischer Organisationen vor Ort statt“ (8).

Nach jedem Projektkapitel wird ein besonderer „Fokus“ eingeschaltet; er beleuchtet jeweils spezifische Theaterfragen:

    „Sichtbar werden: Bedingungen für das Theater auf der Straße“ (28 f)
    „Kein Bildnis machen: Alternativen zur Darstellung des Leids anderer Menschen“ (44 f)
    „Theater für kurze Weile und schnelle Einsicht: Praktische Hinweise für die Entwicklung und Montage von Szenen, Liedern und Texten“ (60 f).

Ein abschließendes Theoriekapitel „Theater als politisches Medium: Ziele und Effekte“ (62) bleibt dicht an Inhalten und Formen des Buches und macht zugleich die Vorteile eines eingreifenden Theaters deutlich - zum einen nach außen: „Der Experimentalcharakter des Theaters ermöglicht Kindern und Jugendlichen, aktiv am politischen Leben teilzunehmen, ohne sich als Person zu entblößen. ... Im sicheren Rahmen der Kunst bringen sie sich ins – öffentliche – Spiel. Sie spielen (plötzlich) eine Rolle“ (63).

Dann nach innen, auf die SpielerInnen selbst bezogen: „In der Auseinandersetzung mit den Millenniumszielen zeigt sich immer wieder, dass die Entwicklung von Theaterszenen und die Arbeit an der Rolle den Einblick in scheinbar undurchschaubare Zusammenhänge ... erheblich unterstützen: Denn in der konkreten, empathischen Beschäftigung mit Lebenssituationen anderer werden deren Bedürfnisse und Nöte ebenso greifbar wie die eigenen Privilegien“ (64).

Film und Fotos zum Aktionshandbuch sind als DVD beigelegt. -

Zum Schluss: Der Untertitel des Buches lässt sich in doppelter Weise lesen:

    „Mit Theater die UN-Milleniumsziele einfordern
    Mit Theater die UN-Milleniumsziele einfordern“.


Hans-Wolfgang Nickel


PS.: Die Publikation wird an SpielleiterInnen kostenlos abgegeben: Grips-Theater, Altonaer Str. 22, 10 557 Berlin; t-paed@grips-theater.de ; Rückmeldungen zum Thema an milleniumprojekt@grips-theater.de ; von Herbst 2007 bis Sommer 2008 gibt es Werkstätten zu der Kombination Milleniumprojekt und Theater in jedem Bundesland.

Und noch ein zweite Nachbemerkung: Die Publikation zeigt mit ihren verständlichen „Mustern“, den vielfachen Hinweisen auf Variationsmöglichkeiten und auf Ansätze zur Adaptation an die je besondere Gruppe und deren eigene Bedingungen eine deutliche Zielrichtung auf die politische WIRKUNG von Theater (oder zumindest: auf politische Wirkungs-Möglichkeiten!). Sie macht zudem bewusst, dass Theater, was heute häufig vergessen zu werden scheint, immer auch eine INHALTLICHE Dimension hat, also auch INHALTE transportiert und eben nicht nur eine bewegte Form ist. Das aber bedeutet notwendig die Übernahme von Verantwortung für diese Inhalte – Verantwortung vor der Gegenwart, den SpielerInnen und dem Publikum. Das gilt insbesondere, wenn sich die Theatermachenden während der und durch die Erarbeitung intensiv mit einer Thematik befassen müssen.

Ergänzend zu diesen Überlegungen ließe sich in ein anderes Grips-Projekt hineinschauen: „Hiergeblieben“, eine von den TheaterpädagogInnen des Grips initiierte Aktion, zeigte die nach einem aktuellen Fall dramatisierte Geschichte einer Jugendlichen, die ausgewiesen werden sollte; die Aufführung war begleitet von vielfachen politischen Aktionen und verstand sich zugleich als ein Appell an die Konferenz der Innenminister. Während bei „Versprochen ist versprochen... !“ die politische Wirkung bei SpielerInnen wie beim Publikum und in der Öffentlichkeit erreicht werden sollte, bezogen sich bei „Hiergeblieben“, von professionellen Theatermachern erarbeitet; thematische Aufklärung und ideelle Unterstützung vor allem auf die ZuschauerInnen, politische Wirkung sollte vor allem in der Öffentlichkeit erzielt werden.

Wer interessiert ist an Theater als politischem Wirkmittel, als öffentliche Aktion kann hier also zwei unterschiedliche qualitätvolle und erfolgreiche Modelle studieren.

Für nähere Informationen: www.hier.geblieben.net