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Eintrag vom: 07.05.2007

Kristin Westphal

Wirklichkeiten von Stimmen. Grundlegung einer Theorie der medialen Erfahrung.
Frankfurt: Lang 2002 (Habil. Gießen), 262 S., CD-Rom, Euro 45,40


1.
Stimme ist für Kristin Westphal kein isoliertes Phänomen, nicht einmal ein isolierbares; sie ist eingebettet in die umfassenden, lebendigen Bezüge "des Sagens und Hörens, das auf die Subjekte einwirkt" (S. 28), "ein Vorgang und ein Ereignis zwischen Menschen ..., die im responsiven Feld aktiv werden können, deren Teil und nicht deren Initiator sie sind" (77). "Stimme ist Ausdrucksgeschehen in einem atmosphärisch gestimmten Ausdrucksfeld" (81), kommunikatives Geschehen zwischen Menschen (42) in einer Situation (Merleau-Ponty, 56), getragen nicht nur von Gesten (83), sondern von einem umfassenden Ausdrucksverhalten (99), synästhetisch wahrgenommen (196) - ein "Spiel" übrigens, ein inter-subjektives Verhältnis, das Säuglinge mit ihren Müttern schon sehr früh auch aktiv beginnen (106) und bei dem "die Rollen zwischen den am Dialog Beteiligten nicht eindeutig zwischen Hörer und Sprecher, Zuschauer und Akteur verteilt" sind (29).

2.
Das natürliche, leiblich-sinnliche Sprechen-Hören ist schon ein mediales Ereignis, die Stimme ein "natürliches" Medium. Das verweist auf das Grund legende mediale Verhältnis des Menschen zur Welt (47) als "immer schon vermittelt und medial" (117). Heutige Stimmen aber, die mehr und mehr durch technische Medien zu uns "sprechen", sind dann "doppelt" medial, technisch-medial. Beide Formen, die Stimme als Medium und die Stimme-im-Medium, werden von K. Westphal untersucht; ihr "Doppelblick ... zurück auf die Stimme vom technischen Medium aus und ... zurück auf das Medium von der Stimme aus" umfasst beides (111). Dabei ist Grundthese, "daß digitale Medien vor-digitale Strukturen benötigen, um überhaupt wahrgenommen zu werden" (47) - noch einmal allgemeiner formuliert als "These von der Unersetzbarkeit der Sinne in der Medienwelt" (49). Hübsch pointiert wird dieser Sachverhalt auf S. 113: "Der vor-wissenschaftliche Mensch geht dem Wissenschaftler systematisch voraus". Ich zitiere dazu noch einmal ausführlicher aus dem Vorwort von Wilfried Lippitz: "Frau Westphal kann eindrucksvoll verdeutlichen, dass technisch-medialisierte Erfahrungen keine radikal neuen, sondern nur anders gestaltete und variierte Modi von leiblich-sinnlichen Erfahrungen darstellen und strukturell in ihrer Artikulation wie auch in ihrer Rezeption daran zurückgebunden bleiben. Alle unserer sinnlich-leiblichen Weltzugänge und Verhältnisse sind grundlegend medial strukturiert (Waldenfels). Deswegen stellen technisch-vermittelte Weltzugänge nur Variationen und Modifikationen dieser sinnlich-leiblichen Erfahrungen dar. Infolgedessen sind die zumeist traditionellen und oft polarisierenden Verhältnisbestimmungen von Natürlichkeit und Künstlichkeit im Kontext medialisierter Erfahrungen aus phänomenologischer Sicht nicht zu rechtfertigen." (19).
Wen diese Betrachtungsweise wundert, der möge an das Puppentheater denken: ein einfacher Stock, oben verdickt, ein längliches Brett, vielleicht noch mit einem kleinen Zusatz versehen, lösen, "animiert" vom Puppenspieler (durch einfache Bewegungen und die Evokation einer Situation), Reaktionen aus, die von Reaktionen auf menschliche Gesichter so gut wie nicht zu unterscheiden sind.

3.
"Die vorliegende Schrift ist der Versuch, die Stimme als Medium und im Medium phänomenologisch zu erschließen und auf ihr jeweiliges Verhältnis zur Wirklichkeit zu befragen." So lautet gleich der erste Satz von Kristin Westphal in ihrer Einleitung (25). Dabei zeigt sich die phänomenologische Betrachtungsweise auch hier als wissenschaftskritisch, sieht Wissen als grundsätzlich vermittelt (biographisch, durch Sinneserfahrungen, Medien, Institutionen, sinnlich, medial, institutionell ...). "Phänomene überschreiten immer schon die Grenzen ihrer Sichtbarkeit" (125). Das gilt insbesondere für eine leibphänomenologische Betrachtungsweise, die sich neben Plessner auf den seit einigen Jahren wieder stärker beachteten Merleau-Ponty bezieht, dann auf Bernhard Waldenfels1 (sein "Konzept einer responsiven Rationalität und Leiblichkeit", 35) und Käte Meyer-Drawe2. Denn gerade "am menschlichen Körper erweist sich der Versuch, Kultur und Natur getrennt zu betrachten, als von Anfang an sinnlos" (32). Und das gilt noch einmal besonders für die Stimme. "Die Flüchtigkeit des Phänomens Stimme unterläuft eine traditionelle Vorstellung von Wissenschaftlichkeit, die in objektivierbaren Ergebnissen ihren Rückhalt findet. ... Die Stimme unterläuft damit auch eine Kultur, die vorrangig auf Repräsentation, d.h. auf Darstellung und Stellvertretung aus ist. Stimme ist einmalig, gegenwärtig, zeitlich indifferent" (40). Mit anderen Worten: "Das Subjekt ist Teil der Welt, immer wenn es von ihr spricht, spricht es zugleich von sich selbst. ... es ist beteiligt an der Konstitution von Wirklichkeit und aktives Element innerhalb von Handlungsfeldern" (28). D.h.: "Menschliche Existenz ist von Anfang an die lebendige Auseinandersetzung (als Differenzgeschehen) des Menschen mit einer sozialen und dinglichen Welt, die spricht, tönt, Widerstand leistet, auffordert, sich entzieht usw." (120)3.

Nach diesen Grund legenden Klärungen analysiert das zweite Kapitel physiologisch-anatomische und phänomenale Konzepte von Stimme (55 ff). Dabei zeigt sich sehr schnell, dass sich physiologisch präzise Aussagen machen lassen, dass aber bei genauer Betrachtung der "eigentlichen" Vorgänge, des gesamten Geschehens, bei einem phänomenologischen Vorgehen also, wichtigste weitere Kennzeichen hervortreten, die physiologische Betrachtungsweise also nicht ausreicht. "Der aktive, handelnde Leib antwortet auf die Aufforderungsstrukturen der Welt" (66). "Sprechen teilt uns das mit, was vor dem Sprechen schon entstanden ist, aber auch, was im Sprechen erst entsteht und als drittes, was im Zwischen, in der Verschränkung von Gesagtem und Nichtgesagtem, von Sinn und Nichtsinn geschieht. Sprache ist nach diesem Verständnis weniger als ein Zustand zu begreifen, sondern als Prozess, in dem die Differenz von Sagen und Gesagtem aufscheint und immer mehr als nur das Gesagte zum Ausdruck kommt" (68 f; resümiert nach Waldenfels).

Das dritte, medientheoretische Kapitel mit seiner Phänomenanalyse der Stimme-im-Medium (117 ff) akzentuiert noch einmal die "These ... dass sich eine technische Welt ohne humane leibliche Referenz und Wahrnehmungsregister schwerlich vorstellen lässt. Sie ist ohne den leiblich präsenten Leser/Hörer/Zuschauer nicht möglich" (119). Ergebnisse werden auf S. 144 ff zusammengefasst.

Das vierte Kapitel "Stimmanalysen" (151 ff) stellt eigene, methodisch reich abgestützte, konkrete und empirische Forschungen am Phänomen der Stimme vor: Vergleich von Frauenstimmen von 1908 bis 1997 (mit Hörbeispielen), Untersuchungen zum Hörbewusstsein, zur Synästhesie, Hinweise auf computergestützte analytische Verfahrensweisen.

Im Schlusskapitel fragt Kristin Westphal, was der phänomenologische Zugang zu Stimme und Medien für die Erziehungswissenschaft bedeutet. Dort "gibt es bislang keine Medienkritik, die sich dem konkreten Phänomen der Stimme besonders widmet und daran die Grundstruktur des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses exemplarisch verdeutlicht" (43). Diese Grundstruktur ist aber auch von höchstem Interesse für Spiel- und Theaterpädagogen. "Wirklichkeiten von Stimmen" sind also nicht nur wichtig für Leute, die mit Stimme und Sprechen (oder Sprache!) arbeiten. Diese finden darüber hinaus eine Fülle von Informationen und Einsichten für ihren speziellen Arbeitsbereich. Zum Beispiel dieses Zitat von Hans Bredow aus dem Jahre 1924: "Das Radio will ... das Gute und Edle im Menschen ansprechen und seine Sehnsucht nach Vervollkommnung stillen" (hier S. 138). Oder (auf CD-Rom, analysiert im 4. Kapitel) Frauenstimmen von 1908 bis 1995, darunter Regine Hildebrandt, Elfriede Jelinek, Ingeborg Bachmann, Ulrike Meinhof, Alice Schwarzer oder auch Gertrud Scholz-Klinck, Reichsleiterin der NS-Frauenschaft.


Hans-Wolfgang Nickel (Neues in Büchern 2002)


1 "Die Theorie von Waldenfels geht davon aus, daß Wahrnehmung immer schon responsiv funktioniert, indem die Sinne auf die Ansprüche aus der Umwelt aktiv antworten. Das bedeutet, daß zwischen den Akten der Wahrnehmung und dem Wahrgenommenen ein produktives und kreatives Verhältnis besteht. Waldenfels weist auf die Differenz zwischen dem 'Worauf' und 'Was' einer Antwort hin, das meint die Differenz zwischen dem Vollzug des Antwortens und der Antwort selbst als Resultat. Er nennt diesen reflexiv nicht einholbaren, also blinden Fleck unseres Antwortverhaltens responsive Differenz ... " (S. 46).

2 Von Meyer-Drawe ein bemerkenswertes Zitat: "Unser Wissen von Welt geht nicht im Denken auf, sondern wird von unseren leiblichen Erfahrungen in Bewegung gehalten. Wenn es uns gelingt, diese leiblichen Erfahrungen zu verstehen, haben wir vielleicht eine Möglichkeit gefunden, weiter an Rationalität festzuhalten, ohne uns über die historischen Fragen einer auf ihre Instrumentalität reduzierte (sic!) Vernunft hinwegzusetzen" (hier S. 98 f).

3 Das bedeutet nicht, die klassische Subjekt-Objekt-Ordnung schlichtweg aufzugeben. Nach einer langen Periode von Trennung/Klassifikation/Kategorisierung (die immer kleinere Details immer klarer zu sehen vermochte) sind wir in einer Periode, die vor allem Zusammenhänge/Gestalten/Ganzheiten betont. Beides ist richtig und notwendig: trennen, um Einzelheiten klar zu sehen; Kontexte respektieren, um Relationen zu erspüren.