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Eintrag vom: 07.05.2007
Kristin WestphalWirklichkeiten von Stimmen. Grundlegung einer Theorie der medialen Erfahrung.
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Nach diesen Grund legenden Klärungen analysiert das zweite Kapitel physiologisch-anatomische und phänomenale Konzepte von Stimme (55 ff). Dabei zeigt sich sehr schnell, dass sich physiologisch präzise Aussagen machen lassen, dass aber bei genauer Betrachtung der "eigentlichen" Vorgänge, des gesamten Geschehens, bei einem phänomenologischen Vorgehen also, wichtigste weitere Kennzeichen hervortreten, die physiologische Betrachtungsweise also nicht ausreicht. "Der aktive, handelnde Leib antwortet auf die Aufforderungsstrukturen der Welt" (66). "Sprechen teilt uns das mit, was vor dem Sprechen schon entstanden ist, aber auch, was im Sprechen erst entsteht und als drittes, was im Zwischen, in der Verschränkung von Gesagtem und Nichtgesagtem, von Sinn und Nichtsinn geschieht. Sprache ist nach diesem Verständnis weniger als ein Zustand zu begreifen, sondern als Prozess, in dem die Differenz von Sagen und Gesagtem aufscheint und immer mehr als nur das Gesagte zum Ausdruck kommt" (68 f; resümiert nach Waldenfels). Das dritte, medientheoretische Kapitel mit seiner Phänomenanalyse der Stimme-im-Medium (117 ff) akzentuiert noch einmal die "These ... dass sich eine technische Welt ohne humane leibliche Referenz und Wahrnehmungsregister schwerlich vorstellen lässt. Sie ist ohne den leiblich präsenten Leser/Hörer/Zuschauer nicht möglich" (119). Ergebnisse werden auf S. 144 ff zusammengefasst. Das vierte Kapitel "Stimmanalysen" (151 ff) stellt eigene, methodisch reich abgestützte, konkrete und empirische Forschungen am Phänomen der Stimme vor: Vergleich von Frauenstimmen von 1908 bis 1997 (mit Hörbeispielen), Untersuchungen zum Hörbewusstsein, zur Synästhesie, Hinweise auf computergestützte analytische Verfahrensweisen. Im Schlusskapitel fragt Kristin Westphal, was der phänomenologische Zugang zu Stimme und Medien für die Erziehungswissenschaft bedeutet. Dort "gibt es bislang keine Medienkritik, die sich dem konkreten Phänomen der Stimme besonders widmet und daran die Grundstruktur des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses exemplarisch verdeutlicht" (43). Diese Grundstruktur ist aber auch von höchstem Interesse für Spiel- und Theaterpädagogen. "Wirklichkeiten von Stimmen" sind also nicht nur wichtig für Leute, die mit Stimme und Sprechen (oder Sprache!) arbeiten. Diese finden darüber hinaus eine Fülle von Informationen und Einsichten für ihren speziellen Arbeitsbereich. Zum Beispiel dieses Zitat von Hans Bredow aus dem Jahre 1924: "Das Radio will ... das Gute und Edle im Menschen ansprechen und seine Sehnsucht nach Vervollkommnung stillen" (hier S. 138). Oder (auf CD-Rom, analysiert im 4. Kapitel) Frauenstimmen von 1908 bis 1995, darunter Regine Hildebrandt, Elfriede Jelinek, Ingeborg Bachmann, Ulrike Meinhof, Alice Schwarzer oder auch Gertrud Scholz-Klinck, Reichsleiterin der NS-Frauenschaft.
Hans-Wolfgang Nickel (Neues in Büchern 2002)
1 "Die Theorie von Waldenfels geht davon aus, daß Wahrnehmung immer schon responsiv funktioniert, indem die Sinne auf die Ansprüche aus der Umwelt aktiv antworten. Das bedeutet, daß zwischen den Akten der Wahrnehmung und dem Wahrgenommenen ein produktives und kreatives Verhältnis besteht. Waldenfels weist auf die Differenz zwischen dem 'Worauf' und 'Was' einer Antwort hin, das meint die Differenz zwischen dem Vollzug des Antwortens und der Antwort selbst als Resultat. Er nennt diesen reflexiv nicht einholbaren, also blinden Fleck unseres Antwortverhaltens responsive Differenz ... " (S. 46). 2 Von Meyer-Drawe ein bemerkenswertes Zitat: "Unser Wissen von Welt geht nicht im Denken auf, sondern wird von unseren leiblichen Erfahrungen in Bewegung gehalten. Wenn es uns gelingt, diese leiblichen Erfahrungen zu verstehen, haben wir vielleicht eine Möglichkeit gefunden, weiter an Rationalität festzuhalten, ohne uns über die historischen Fragen einer auf ihre Instrumentalität reduzierte (sic!) Vernunft hinwegzusetzen" (hier S. 98 f). 3 Das bedeutet nicht, die klassische Subjekt-Objekt-Ordnung schlichtweg aufzugeben. Nach einer langen Periode von Trennung/Klassifikation/Kategorisierung (die immer kleinere Details immer klarer zu sehen vermochte) sind wir in einer Periode, die vor allem Zusammenhänge/Gestalten/Ganzheiten betont. Beides ist richtig und notwendig: trennen, um Einzelheiten klar zu sehen; Kontexte respektieren, um Relationen zu erspüren. |