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Eintrag vom: 07.05.2007

Nils Neuber

Kreative Bewegungserziehung - Bewegungstheater
Aachen: Meyer & Meyer Verlag 2000, 208 Seiten 29,80 DM


Ein Buch mit zwei unterschiedlichen Teilen: Eine weit gespannte, umfassende, aber eher oberflächlich anreißende, in sich nicht widerspruchsfreie Theorie (von S. 15 bis S. 79) mit Ordnungskategorien, die gleichzeitig Planungskategorien für die Praxis sind; eine davon abgetrennte qualitätvolle Praxis (81 - 187) mit vielen Spiel- und Übungsanregungen, klaren Beschreibungen, gelungenen Verknüpfungen, jedoch kaum klar auf die Theorie bezogen.

Zur Theorie: Der Autor grenzt sich ab von einer durch "strikte Vorgaben und geringe Handlungsspielräume" gekennzeichneten Bewegungserziehung, die "nicht kreativ im Sinne von selbstständig gestaltend" ist (S. 41). Seine "kreative Bewegungserziehung" orientiert er am Subjekt, an der Lebenswelt der Gruppe, am Prozess und fordert: "Schließlich ist eine ausdrückliche Bewegungsorientierung erforderlich, die die spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten des Mediums 'Bewegung' aufgreift und nutzt" (S. 31). So weit so gut. Dann aber klingt es fast diktatorisch, wenn er fortfährt: "Übungsstunden in kreativer Bewegungserziehung sollten von der Bewegung ausgehen und die Beschäftigung mit Gedanken und Gefühlen immer wieder an der Bewegung 'festmachen' ".

Sicherlich meint der Autor nicht die Unterwerfung des Gefühls unter die Bewegung(serziehung); "festmachen" klingt aber doch sehr nach einer dienenden Funktion: Inhalte, Lebenswelt, Gedanken, Gefühle sind gegenüber dem Primärphänomen Bewegung sekundär.

Auch insgesamt nennen die einleitenden theoretischen Kapitel (Pädagogische Grundlagen, Didaktische Grundlagen) zwar vielerlei, sind aber nicht unbedingt in eine schlüssige, konsistente Form gebracht. So will Neuber die Förderung von Bewegung, Kreativität, Identität, Sozialverhalten, Wahrnehmungsfähigkeit, Ausdrucksfähigkeit (zusammengefasst auf S. 32), formuliert dann aber seine Ziele anders: sie liegen im sensorischen, motorischen, sozialen, emotionalen, kreativen, kognitiven Bereich (45). Inhalte "ergeben sich aus den zentralen Handlungsweisen Wahrnehmen, Bewegen, Interagieren, Spielen und Gestalten" (47); wiederum anders formuliert auf S. 30, wo Wahrnehmung, Bewegung, Interaktion, Gestaltung und Improvisation (!) in ein Interdependenzgeflecht gesetzt werden, wobei auf S. 62 Improvisation und Gestaltung als Gegenpole gesehen werden; das wäre noch zu diskutieren. Jedenfalls werden Inhalte wie Ziele eher "formal" bestimmt; das Subjekt, seine Gedanken/Gefühle, seine Lebenswelt scheinen vergessen. Das ist auch bei dem zusammenfassenden Planungsschema der Fall, mit dem Neuber seine theoretische Einführung beendet (72).

Auch die zentrale Begrifflichkeit wird (mir) nicht ganz klar. Neuber geht aus von Anne und Wolfgang Tiedts Kölner Ansatz des Bewegungstheaters, das sich als integrative Fächerkombination versteht, "in der Darstellung, Musik und Tanz ... miteinander in enger Weise verbunden sind und sich gegenseitig durchdringen" (Tiedt 1991, 66; hier zitiert auf S. 11). In seiner Dissertation entwickelte Neuber daraus "ein eigenständiges Konzept zur kreativen Bewegungserziehung ..., das die spezifischen Möglichkeiten und Bedürfnisse von Kindern im Grundschulalter aufgreift" (12). Eine Veränderung von Tiedt zu Neuber wird einsichtig: es geht nicht von vorneherein um Aufführungen; wichtig ist der Prozess, der manchmal auch als Theater nach außen getragen werden kann (Kap. 6: Projekte)1. Auch das Attribut "kreativ im Sinne von selbstständig gestaltend" erscheint einsichtig (41; s.o.). Unklar aber ist die Nutzung des Begriffs "Spiel", wenn etwa "Spiel- oder Tanzanregung" von "Bewegungsanregung" unterschieden wird (54). Zwar wird auf S. 55 eine Begriffsbestimmung vorgeschlagen: Die Spiel- oder Tanzaufgabe "ist weiter gefasst als die Bewegungsaufgabe und schließt ein Rollen-, Situations- oder Handlungsdenken mit ein. 'Spielen' heißt also in diesem Fall darstellendes Spielen, 'Tanzen' meint Tanzen mit bestimmten bildhaften Vorstellungen". Freilich wird Tanz häufig als eine "rhythmische Körperbewegung zu Musik- oder Geräuschbegleitung" bezeichnet (so etwa im Brockhaus). Und nur darüber hinaus können im Tanz auch Handlungen, Situationen, Rollen, können Inhalte gestaltet werden. Auf mögliche Inhalte reflektiert Neuber freilich nur nebenbei, obwohl er sie häufig benennt.

Noch einmal: Wenn eine kreative Bewegung eine selbständig gestaltete Bewegung ist, bei der der sich Bewegende eine eigenen Form gefunden hat, dann gilt das zunächst für die "Bewegung an sich", die "reine Bewegung", den "reinen Tanz". Didaktisch ist es sicherlich sinnvoll, Aufgaben für Grundschullkinder konkret zu benennen (nicht Hüpfen aus der Hocke, sondern hüpfende Frösche); diese Verbindung von Bewegung mit Darstellung, Mitteilung, Inhalt, Situation (die ich durchaus sinnvoll finde!) wird im Buch durchweg praktiziert, aber kaum jemals reflektiert; fast sieht es so aus, als ob "kreative Bewegungserziehung" die Verbindung von Bewegung mit Inhalten (bzw. Spiel/Darstellung) ist. Darauf deutet etwa folgendes Zitat hin: "Das Gelingen 'kreativer' Übungsstunden ist in jedem Fall an die Verbindung und wechselseitige Durchdringung von Bewegung und Darstellung gebunden. Zwischen motorischer und inhaltlicher Auseinandersetzung muss eine 'Brücke' geschlagen werden" (S. 70).

Abgesehen von dem terminologischen Durcheinander: Inhalte werden bei Neuber niemals eigens reflektiert, sie scheinen immer schon fraglos gegeben zu sein. Ob es um Supermarkt, Wäschewaschen, Hempels Sofa, Roboter, Hexen oder Schaufenster geht - für Grundschulkinder scheint das alles so klar zu sein, dass sich eine "inhaltliche Auseinandersetzung" erübrigt und sie Anregungen sofort in Bewegungen umsetzen können. Inhalte werden also höchstens vom Lehrenden in der Stundenvorbereitung bedacht ("Sachanalyse", 73), nicht aber mit den Kindern vorbereitet, problematisiert, erarbeitet.

Besser wird es bei den methodischen Grundlagen (Kap. 4); da gibt es eine übersichtliche Strukturierung von Maßnahmen (von einfach zu komplex, von geschlossen bis offen, 54), weiter ausgeführt als "methodische Verfahrensweisen" (59). "Das entscheidende Kriterium für die Wahl einer Aufgabenstellung ist der mit ihr verbundene Freiheitsgrad, d.h. der Handlungsspielraum, der durch die Aufgabe eingeräumt wird. Die Kunst besteht darin, den Kindern einen ihren Voraussetzungen angemessenen ... Spielraum zur Verfügung zu stellen" (63). Das ist dann richtig, wenn bei den Voraussetzungen nicht NUR an Bewegung, sondern auch an Inhalte gedacht wird. –

Kommen wir zum Praxisteil (81 - 187) mit seinen vielen Qualitäten; dazu gehören auch die Fotos, die im ersten Teil eher assoziativ, schmückend waren (24, 26) und jetzt praktisch, informativ werden. Hingewiesen wird immer wieder auf die Freiheit der Gestaltung, das Ermöglichen von eigenen Ideen. Für Spiel- und Theaterpädagogen, die von sich aus die vorgeschlagenen Inhalte und ihre Erfordernisse bedenken, scheint mir das Buch besonders geeignet zu sein, weil Neubers primärer, dominanter Fokus auf Körper und Bewegung für sie eine wichtige Ergänzung sein kann.

Das Buch schließt ab mit einer Reflexion auf Misserfolge (189) und einem Hinweis auf eine empirische Überprüfung von Auswirkungen (191); es charakterisiert im Anhang weiterführende Literatur (198 ff) und gibt Informationen über Fortbildung (die sich fast nur auf Köln und Umgebung beziehen, 204).


Hans-Wolfgang Nickel (Neues in Büchern 2002)


1 Dem entgegen werden auf S. 81 "Praxis der kreativen Bewegungserziehung" und "Spielanregungen zum Bewegungstheater" synonym gebraucht.