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Eintrag vom: 21.01.2007

BKJ (Hg.)

Kulturarbeit und Armut
Konzepte und Ideen für die kulturelle Bildung in sozialen Brennpunkten und mit benachteiligten jungen Menschen.
Tagungsdokumentation. Remscheid 2000, 336 Seiten


Die gehaltvolle Broschüre, unaufwendig in kleiner Type gedruckt und herausgegeben von der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, sammelt die Beiträge der Tagung "Kulturarbeit und Armut" (15. bis 17. November 1999), die im Zusammenhang stand mit dem jugendpolitischen Sonderprogramm "E&C": "Entwicklung und Chancen für junge Menschen in sozialen Brennpunkten".

Lobenswert ist zunächst die begriffliche Klarheit, mit der die Ausgangspunkte markiert werden und die sich zudem auf offizielle Dokumente stützt. Das ist zum einen der 10. Kinder- und Jugendbericht des Bundes: "Wenn in einer menschlichen Gesellschaft tragender Sinn und angebotene Handlungsmöglichkeiten, soziale Beziehungen und Ausdrucksformen in einem stimmigen Verhältnis stehen, sprechen wir von Kultur" (13); bezogen auf Kinder heißt das u.a.: "Sinn können sie nur sehen, wenn sie in einer von Sinn getragenen Umwelt leben, in einer Kultur des Aufwachsens" (14).

Das korrespondiert mit dem Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention:

    "(1) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben.
    (2) Die Vertragsstaaten achten und fördern das Recht des Kindes auf volle Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben und fördern die Bereitstellung geeigneter und gleicher Möglichkeiten für die kulturelle und künstlerische Betätigung ..." (15 f).

Es geht also nicht nur um freie Teilnahme an Kunst und Kultur, sondern auch um geeignete und GLEICHE Möglichkeiten für die eigene kulturelle und künstlerische Betätigung; dabei ist freilich die Doppelung (Kunst und Kultur, oder: kulturelle und künstlerische Betätigung) dubios.

Klarer wird es in dem bemerkenswerten Bericht von Roland Bernecker über die bemerkenswerte Arbeit der Unesco; ein Zitat von der 2. Unesco-Weltkulturkonferenz 1982 in Mexiko präzisiert als "erweiterten Kulturbegriff",

    - "dass die Kultur in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden kann, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen;
    - dass der Mensch durch die Kultur befähigt wird, über sich selbst nachzudenken" (63).

Die Situation "Armut" macht freilich besondere Schwierigkeiten und stellt besondere Anforderungen an den einzelnen (wenn es um sein "Sich selbst Entdecken und Definieren" gehen soll, S. 17) wie an die Gesellschaft, wenn es ihr um "die Stärkung und soziale Integration junger Menschen mit den Mitteln und Methoden kultureller Bildung" geht (13).

Zu den Schwierigkeiten gibt es im ersten Kapitel umfangreiche, gut aufbereitete Informationen zu Armut, die sich auch nicht scheuen, von der "Wagenburg der Reichen" (31) zu sprechen, "Risiko und Chancen des ethnischen Gettos" (41), die Gefahren eines "Verzicht(s) auf perspektivisches Denken" (31) und die unheilvolle Zuspitzung durch "Kumulation von umweltbedingten und sozialen Problemen" (43) zu diskutieren.

Intelligent stellt Wilfried Breyvogel den Zusammenhang zu (symbolischer) Kreativität und jugendlicher Subjektivität her (47 ff); das schwierige Problem der sozialen Randlage wird dann gleich im übernächsten Beitrag wieder zur Sprache gebracht mit empirischem Material zu "Armut als Stressor" (69 ff).

Kapitel 2 vertieft die Diskussion; "Armut und Reichtum werden kulturell definiert" (85); das "Recht auf Faulheit" (86), "materielle und geistige Armut" (101) werden problematisiert; Franziska Breuning fragt "Glück: was ist das, wenn man arm ist?" (101). Griffig formuliert Ulrich Baer "Kulturpädagogische Prinzipien für die Arbeit mit vernachlässigten Kindern und Jugendlichen" in 10 Geboten und "4 S"-Zielen: Sensibilisierung, Selektionsfähigkeit, Selbermachen, Spaß. Schließlich kommen auch die Schwierigkeiten der "Macher" zur Sprache: wie können KulturpädagogInnen ihre Arbeit für sich selbst bewältigen?

In den vielen Praxisberichten und -analysen (Kap. 3 und 4) geht es zunächst um soziale Brennpunkte in Stadtteilen und auf dem Land (Kap. 3, 133 ff; Max Fuchs problematisiert dabei die Grundkategorie RAUM), dann ab S. 223 mit einem Perspektivenwechsel um junge Menschen; in diesem Kapitel ist viel von Theater die Rede. Dargestellt werden:

    das Projekt Metropolis in der Schlesischen 27 Berlin
    der Kinder- und Jugendzirkus Tasifan in Weimar
    die Kölner Berber Bühne
    Arbeit mit Straßenkids in Berlin (Helma Fehrmann)
    Romeo und Julia, ein interkulturelles Musiktheaterprojekt
    Theaterarbeit in Berufsförderlehrgängen

und: Medienarbeit mit jungen Roma, Mädchenarbeit, die Fotoausstellung "Straßenkinder in Deutschland" (sie vereint Erfahrungstexte und Träume von Straßenjugendlichen mit Fotoarbeiten von Kerstin Zillmer).

Schlussfolgerungen für die BKJ werden formuliert von Wolfgang Zacharias und Max Fuchs (307 ff).


Hans-Wolfgang Nickel (Neues in Büchern 2002)